Giulia Fontana und Lorenz Keyßer: „Wir reisen nur ohne Flugzeug – sogar bis Australien.“

Lernt heute Giulia und Lorenz kennen. Das Paar aus Zürich folgte einer Hochzeitseinladung nach Australien – und reiste dabei nur per Zug und Schiff, um die Umwelt nicht zu belasten. Über ihr Abenteuer haben sie das Buch „Ohne Flugzeug um die Welt“ geschrieben.
Im Interview erzählen sie, wie sie reisen und ihren Alltag klimafreundlich gestalten.

Stellt Euch am besten selbst einmal kurz vor…

Giulia: >> „Ich bin in Zürich aufgewachsen und habe hier meine ganze Schulzeit sowie universitäre Bildung im Bereich der Umweltpolitik genossen. Seit Kurzem arbeite ich im Umweltbildungsbereich, was einen hoffnungsvollen, lebendigen und frischen Alltag mit sich bringt.“
Lorenz: >> „Ich stamme aus Halle (Saale) und bin für das Studium der Umweltnaturwissenschaften nach Zürich gezogen, wo Giulia und ich uns kennengelernt haben. Gerade schreibe ich meine Masterarbeit, lese gerne und beschäftige mich mit alternativen Wirtschaftsmodellen.“
Giulia: >> „Wir beide haben vor einigen Jahren beschlossen, nicht mehr zu fliegen. Dennoch sind wir zusammen vor knapp drei Jahren der Hochzeitseinladung meiner besten Freundin gefolgt – und sind via Zug und Frachtschiff nach Australien gereist. Dort haben wir für ein Jahr gelebt und sind auf ähnlichem Wege wieder zurückgefahren. Über diese erlebnisreiche Zeit haben wir ein Buch mit dem Titel „Ohne Flugzeug um die Welt“ geschrieben.“
©Daniel Winkler

Was sind Eure Werte in Bezug auf das Reisen? Warum ist Nicht-Fliegen so wichtig?

Giulia und Lorenz: >> „Wir reisen gerne langsam, genussvoll und Treibhausgas-arm. Daher vermeiden wir das Flugzeug. Denn Fliegen, besonders über lange Strecken, stößt sehr viel CO2 aus und trägt somit direkt dazu bei, die Klimakrise zu verschärfen. Um das dadurch entstehende massive Leid zu mindern (denn tatsächlich leiden global bereits sehr viele Menschen darunter, siehe zum Beispiel Australiens Waldbrände oder tödlichen Starkregen in Bangladesch), müssen wir unsere CO2-Emissionen schnell auf nahe Null bringen. Fliegen ist eine der CO2-intensivsten Tätigkeiten, die ein Individuum machen kann; und wird global nur von einer kleinen, privilegierten Minderheit ausgeübt.
Wir wollen einerseits direkt unseren Anteil an dieser Krise minimieren und gleichzeitig zu einem tiefgreifenden Kultur- und Systemwandel weg von fossilen Brennstoffen beitragen. Da ist, bei sich selbst anzufangen, schon mal ein guter Start, aber natürlich braucht es noch sehr viel mehr.“
Fahrt in die Mongolei, Aussicht aus dem Zug in Russland
Am Hafen in Brisbane

Wie sieht Euer Alltag aktuell aus? Was bestimmt täglich Euer Leben?

Giulia und Lorenz: >> „Im Moment verbringen wir viel Zeit in unseren jeweiligen WGs und versuchen, so viel es geht von zu Hause aus zu arbeiten, neue Rezepte auszuprobieren, Zimmerpflanzen zu ziehen und im Alltag Neues zu entdecken (wie etwa ein neues Blatt bei unseren Pflanzen). Damit uns die Decke nicht auf den Kopf fällt, verabreden wir uns ab und an mit Freunden zu einem Spaziergang oder unternehmen eine kleine Wanderung in der näheren Umgebung. Wir haben so schon spannende Orte entdeckt, von denen wir gar nicht wussten, dass sie so nah auf uns warten.“

Was bewegt Euch zu einem „grünen“ Bewusstsein? Gab es einen speziellen Moment, der Euer Denken und Handeln verändert hat?

Giulia und Lorenz: >> „Für uns beide ist dies recht ähnlich: Für uns geht es um Gerechtigkeit. Es ist wichtig, dass wir so leben, dass alle Menschen im Hier und Jetzt und auch zukünftige Generationen Zugang zu den Grundlagen für ein gutes Leben haben. Die Klimakrise und der Kollaps der Ökosysteme bedrohen diesen Zugang grundlegend. Dazu kommt noch, dass der Großteil dieser Schäden global von einer privilegierten, wohlhabenden Minderheit primär im globalen Norden verursacht werden, wobei Menschen im globalen Süden besonders stark von den Auswirkungen betroffen sind. Spezielle Momente in der Entwicklung unserer Gedanken dazu gab es viele: bestimmte Bücher, Begegnungen und Gespräche etc. – wobei sich das dann eher zu einer beständigen Entwicklung und Veränderung zusammenfügt. Bei uns beiden hatte das anfänglich viel mit der Ernährung, weg von tierischen hin zu pflanzlichen Lebensmitteln, zu tun, wobei wir bald gemerkt haben, dass individuelle Verhaltensänderungen nur ein Teil der Lösung sind. Wir müssen vor allem die sozialen Strukturen, Wirtschaftssysteme etc. verändern – das bedeutet, sich gemeinsam mit anderen Menschen politisch, in einem allgemeinen Sinne, zu engagieren.“

Wo seht Ihr persönliche Herausforderungen, den Alltag umweltbewusst zu gestalten? Wo ist Eure Schmerzgrenze zwischen „gut für die Umwelt“ vs. „persönlichem Komfort, auf den Ihr nicht verzichten möchtet“?

Giulia und Lorenz: >> „Es gibt sehr viele Barrieren für Einzelpersonen, sich umweltfreundlich zu verhalten. Wir denken da zum Beispiel an Werbebudgets in Milliardenhöhe, Auto-fokussierte Verkehrsinfrastruktur, eingebaute Schwachstellen in Produkten, fehlende demokratische Mitbestimmung in Firmen und ein genereller Mangel an Zeit. Letzterer scheint uns besonders wichtig zu sein, da nachhaltigeres Handeln häufig zeitintensiver ist. Unsere Reise nach Australien ist da ein gutes Beispiel. Solche Barrieren zeigen uns, dass es wichtig ist, sich nicht allzu sehr auf individuelle Verhaltensänderungen zu versteifen (obwohl die natürlich auch wichtig sind), sondern zusätzlich stärker die strukturellen und auch Macht-basierten Faktoren in den Blick zu nehmen und anzugehen.
Persönlich treffen wir natürlich auch Entscheidungen, die nicht nachhaltig sind. Momentan gibt es in der Schweiz zum Beispiel noch viele Öl-Heizungen. Wir haben also die Wahl zwischen Wärme und Klimakrise anheizen. Ähnlich ist es mit unseren derzeitig sehr intensiven digitalen Aktivitäten, wobei es hier mit dem Wasserkraft-lastigen Strommix besser ausschaut. Es braucht sicherlich auch bessere Technologie, zusätzlich zu weniger Produktion und Konsum, beispielsweise beim Fliegen; und strukturelle soziale Veränderungen, die ein gutes, nachhaltiges Leben ermöglichen, beispielsweise durch Arbeitszeitverkürzungen.“

Was ist Euer ganz persönliches „Green Gadget“?

Giulia und Lorenz: >> „Handeln sollte auf Wissen und Verständnis beruhen, sonst können auch die besten Absichten fehlgeleitet werden. Zudem leben wir in komplexen Gesellschaften, die ein Verständnis erschweren. Für uns ist es aus diesen beiden Gründen unabdingbar, uns zu informieren, Wissen aufzubauen, Zusammenhänge zu erkennen etc. – dies machen wir gerne mit Hilfe von Büchern, wobei Lesen natürlich auch wieder Zeit braucht. Bücher sind also sozusagen unser „Green Gadget“. Ein tolles Buch, das wir vor Kurzem gelesen haben, war zum Beispiel „Less is more“ von Jason Hickel. Ansonsten haben wir beide noch Glas- bzw. Aluminium-Trinkflaschen, die wir beim Wandern immer überall mitnehmen.“
©Daniel Winkler

Wie läuft die Müllentsorgung bei Euch ab? Wählt Ihr Eure Produkte zum Entsorgen von Müll bewusst aus? Was benutzt Ihr selbst? 

Giulia und Lorenz: >> „Wir versuchen, wo es geht, Müll zu vermeiden. Zum Beispiel engagiert sich Giulia zurzeit bei einer solidarischen Landwirtschaftskooperative. Hier kommen Menschen zusammen und verwalten sowie bearbeiten unter Anleitung einen Garten und teilen die Erträge. Das hat den tollen Nebeneffekt von Müllvermeidung, weil es kaum Verpackungen gibt. Bei der Entsorgung nutzen wir die vorhandenen Recyclingmöglichkeiten hier in der Schweiz.
Allerdings ist für uns das weit größere Problem, dass überhaupt so viel Müll anfällt – durch die hohe Produktion und Konsum, all die Wegwerfprodukte, unnötigen Verpackungen, eingebaute Fehlerstellen in Produkten und so weiter. Um dies anzugehen, müssen wir aber die bereits erwähnten sozialen Strukturen hinterfragen, nämlich die auf Profit ausgerichtete, kapitalistische Wachstumslogik dieses Gesellschaftssystems. Die Strukturen müssen wir dahingehend verändern, dass Konkurrenz gemindert, horizontale und demokratische Kontrolle ausgeweitet sowie alle Menschen Zugang zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse haben, unabhängig davon, ob nun „die Wirtschaft“ wächst oder nicht. Wir leben in Zeiten von Ökosystemkollaps und Klimakrise und wir sind überzeugt, dass wir verstärkt auf soziale Bewegungen fokussieren müssen, die dieses System hinterfragen, und eine demokratische Gegenmacht aufbauen, um diese Strukturen zu verändern.“

Wo holt Ihr Euch Inspiration für Euer „grünes“ Bewusstsein?

Giulia und Lorenz: >> „Freunde und Familie inspirieren uns natürlich immer sehr – zum Beispiel sind wir durch Freunde auf die solidarische Landwirtschaft gestoßen. Aber auch Menschen, die wir nicht persönlich kennen, sondern nur durch Bücher und Filme, können eine große inspirierende Wirkung auf uns ausüben. Das vorhin bereits erwähnte Buch ist ein Beispiel dafür; oder auch Prof. Kevin Anderson, ein bekannter Klimaforscher, der als Konsequenz seit vielen Jahren nicht mehr fliegt. Auch soziale Bewegungen, wie der Klimastreik und Extinction Rebellion, inspirieren uns sehr, weil sie Mut machen, dass wir gemeinsam sehr viel erreichen können. In unserem eigenen Buch führen wir unsere Inspirationen, Quellen und Gedanken noch etwas näher aus.“

 

Vielen Dank, liebe Giulia und lieber Lorenz, für Eure interessanten Einblicke zum Thema klimafreundliches Reisen!

Wenn Ihr, liebe PELY® Community, Fragen an die beiden habt, kommentiert einfach unter diesen Beitrag!

 

Links*:

Buch „Ohne Flugzeug um die Welt“:
https://www.luebbe.de/luebbe-life/buecher/politik-und-gesellschaft/ohne-flugzeug-um-die-welt/id_7694443

Bildnachweise: ©Adelina Ismaili (Headerbild), ©Daniel Winkler, ©Lorenz Keysser & Guilia Fontana

*Die enthaltenen Links sind keine werblichen Links.

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