Lernt heute die Alltagsheldin Leoni Lojenburg kennen – von der “Kleiderei” Hamburg.
Was passiert, wenn Mode nicht gekauft, sondern geteilt wird? Die „Kleiderei“ zeigt seit Jahren, dass nachhaltiger Konsum auch anders funktionieren kann. Statt ständig neue Kleidung zu verkaufen, setzt das Fashion-Sharing-Konzept auf Leihen, Tauschen und gemeinschaftliche Nutzung.
Im Interview spricht Leoni Lojenburg über die Idee hinter der „Kleiderei“, die Herausforderungen der Modebranche und warum bewusster Konsum für sie nicht Verzicht, sondern neue Möglichkeiten bedeutet.
Stell dich am besten selbst einmal kurz vor und erzähl uns von der “Kleiderei”. Worum geht es bei eurem Konzept ganz konkret?
LEONI:>> Mein Name ist Leoni Lojenburg. Ich habe Modedesign und Modemanagement studiert und arbeite seit über zehn Jahren in verschiedenen Bereichen der Fair-Fashion-Branche. 2024 habe ich die „Kleiderei“ zurück nach Hamburg geholt.
Die „Kleiderei“ ist ein Fashion-Sharing-Konzept. Bei uns kann man nicht nur Second-Hand-Kleidung kaufen, sondern mit einer Mitgliedschaft auch die ganze Kleidung leihen. Für 29 Euro im Monat können Mitglieder vier Kleidungsstücke gleichzeitig ausleihen und diese so oft und flexibel tauschen, wie sie möchten. Die „Kleiderei“ gibt es mittlerweile in Hamburg, Berlin, Köln, Freiburg und Stuttgart.
Die „Kleiderei“ gilt heute als Pionierin im Fashion-Sharing in Deutschland. Wie habt ihr die ersten Jahre erlebt und welche Herausforderungen musstet ihr bewältigen?
LEONI:>> Seit der Gründung im Jahr 2012 durch Thekla Wilkening und Pola Fendel hat die „Kleiderei“ viele Entwicklungen und Herausforderungen erlebt. Aus einem kleinen Projekt von zwei Freundinnen wurde zunächst ein Online-Sharing-Konzept und später wieder ein stationäres Modell mit einem starken Netzwerk von Inhaberinnen.
Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung hatte Lena Schröder, die die „Kleiderei“ 2016 nach Köln geholt und das Konzept maßgeblich weiterentwickelt hat.
Ich selbst habe die „Kleiderei“ von Anfang an als Kundin und begeisterte Unterstützerin begleitet. Dadurch konnte ich über viele Jahre beobachten, wie viel Herzblut, Mut und Energie notwendig sind, um Menschen für das Thema Kleidung leihen zu begeistern und ein völlig neues Konsumkonzept sichtbar zu machen.
Gleichzeitig hat sich die „Kleiderei“ immer weiterentwickelt und auf die Bedürfnisse ihrer Kund*innen reagiert. Genau diese Offenheit für Veränderungen, gepaart mit einer klaren Vision, war und ist.

Was motiviert und treibt dich bis heute dabei am meisten an?
LEONI:>> Mode sollte Freude machen und Menschen dabei unterstützen, ihren persönlichen Ausdruck zu finden. Gleichzeitig wünsche ich mir einen bewussteren und wertschätzenderen Umgang mit Kleidung.
Mir ist wichtig, die Menschen hinter einem Kleidungsstück wieder sichtbarer zu machen – die Designer*innen, die Näher*innen und all die Personen, die an der Herstellung beteiligt sind. Kleidung leihen ermöglicht es, die Freude an Mode zu bewahren und gleichzeitig Ressourcen zu schonen. Genau diese Verbindung aus Kreativität, Individualität und Verantwortung motiviert mich jeden Tag.
Ihr sprecht oft davon, Mode gemeinschaftlicher zu denken. Was bedeutet diese Philosophie „Mode gehört allen“ für dich persönlich?
LEONI:>> Die „Kleiderei“ funktioniert nur durch unsere Community. Unsere Mitglieder tragen die Kleidung nach draußen und werden dadurch ganz automatisch zu Botschafter*innen für einen bewussteren Umgang mit Mode.
Für mich bedeutet „Mode gehört allen“, dass Kleidung genutzt und geteilt wird, anstatt ungenutzt im Schrank zu hängen. Unser Konzept lebt von Gemeinschaft, Austausch und gegenseitiger Wertschätzung. Gerade in einer Branche, die oft von Ausgrenzung, Überkonsum und Ausbeutung geprägt ist, möchten wir zeigen, dass Mode auch anders funktionieren kann: solidarisch, zugänglich und nachhaltig.
Merkst du schon konkrete Veränderungen oder Wirkungen durch eure Arbeit – bei Kund*innen, in der Community oder im Umgang mit Mode allgemein?
LEONI:>> Ja, auf jeden Fall. Viele unserer Mitglieder erzählen uns, dass sie seit ihrer Mitgliedschaft deutlich weniger neue Kleidung kaufen. Statt ständig Neues zu konsumieren, nutzen sie vorhandene Ressourcen und entdecken immer wieder neue Lieblingsstücke bei uns.
Genau das ist unser Ziel: Mode zugänglich machen, ohne ständig neue Produkte herstellen zu müssen.
Wie ist das Feedback für euer „Kleiderei“-Konzept? Gab es besondere Begegnungen oder Reaktionen, die dir im Kopf geblieben sind?
LEONI:>> Oh, da gibt es so viele schöne Momente. Das tägliche Feedback unserer Mitglieder ist unglaublich wertvoll. Wir hören immer wieder, wie sehr Menschen das Leihen genießen und dass sie sich dadurch freier, kreativer und gleichzeitig nachhaltiger fühlen.
Besonders schön für uns ist es, wenn Mitglieder die „Kleiderei“ über viele Jahre begleiten. Wir haben inzwischen einige Menschen, die beispielsweise in Freiburg Mitglied waren, dann nach Hamburg gezogen sind und hier direkt wieder Teil der „Kleiderei“ geworden sind. Sie freuen sich, dass sie das Konzept auch an ihrem neuen Wohnort weiter nutzen können.
Solche Geschichten zeigen uns, dass die „Kleiderei“ für viele Menschen mehr ist als nur ein Ort für Kleidung. Sie ist auch eine Gemeinschaft, die verbindet und mitwächst.

Welche Rolle spielen Community, Austausch und gemeinsame Events für das Konzept der „Kleiderei“?
LEONI:>> Community ist das Herzstück der „Kleiderei“. Viele Gespräche und Begegnungen entstehen ganz natürlich im Laden, aber auch bei unseren Veranstaltungen.
In Hamburg organisiert beispielsweise Julia Schmitz jeden zweiten Mittwoch im Monat ein Repair-Treffen. Dort können Mitglieder und Nicht-Mitglieder gemeinsam Kleidung reparieren, sich austauschen und voneinander lernen. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen und stärkt sowohl die Gemeinschaft als auch die Wertschätzung für Kleidung.
Besonders schätze ich auch den Austausch innerhalb unseres Inhaberinnen-Netzwerks. Wir unterstützen uns gegenseitig, teilen Erfahrungen und entwickeln gemeinsam neue Ideen. Das hilft nicht nur im Alltag, sondern trägt auch in schwierigen Phasen.
Viele Menschen verbinden nachhaltige Mode immer noch mit Verzicht. Warum funktioniert Fashion-Sharing aus deiner Sicht anders?
LEONI:>> Beim Fashion-Sharing geht es nicht um Verzicht, sondern um Möglichkeiten. Man kann neue Stile ausprobieren, besondere Kleidungsstücke für bestimmte Anlässe tragen und seinen Look regelmäßig verändern, ohne ständig neu kaufen zu müssen.

Wir möchten die Freude an Mode erhalten und gleichzeitig zeigen, dass persönlicher Ausdruck nicht von ständigem Konsum abhängen muss. Es ist bereits genug Kleidung vorhanden – wir müssen sie nur besser nutzen.
Die Modeindustrie gehört zu den ressourcenintensivsten Branchen weltweit. Welche Probleme beschäftigen dich dabei besonders?
LEONI:>> Mich beschäftigt vor allem die enorme Menge an Kleidung, die produziert wird und anschließend kaum oder gar nicht getragen wird. Obwohl bereits heute genug Kleidung existiert, um mehrere Generationen einzukleiden, wird weiterhin in riesigen Mengen produziert.
Viele dieser Textilien landen nach kurzer Nutzungsdauer auf Deponien, häufig im Globalen Süden, und verursachen dort erhebliche Umweltprobleme. Dieses Missverhältnis zwischen Produktion und tatsächlichem Bedarf halte ich für eines der größten Probleme der Branche.
Was hast du durch dein Engagement für nachhaltige Slow Fashion gelernt – auch über dich selbst?
LEONI:>> Ich habe gelernt, dass ich viel weniger brauche, als ich früher dachte. Für mich ist es eine große Erleichterung geworden, weniger zu besitzen und bewusster zu konsumieren.
Gleichzeitig ist meine Wertschätzung für hochwertige und nachhaltig produzierte Kleidung stark gewachsen. Ich investiere lieber in wenige besondere Stücke von kleinen Labels oder Designer*innen, als mich von kurzfristigen Trends und Massenkonsum mitreißen zu lassen.

Gab es einen speziellen Moment, der dein Denken und Handeln rund um Konsum und Nachhaltigkeit geprägt hat?
LEONI:>> Ja, tatsächlich meine Zeit als Kundin der „Kleiderei“. Damals war es für mich ein echter Aha-Moment zu erkennen, dass ich ein besonderes Kleid für eine Feier tragen oder mit ganz unterschiedlichen Looks und Stilen experimentieren kann, ohne die Kleidung kaufen und besitzen zu müssen.
Seitdem hat sich mein Blick auf Konsum stark verändert. Besitz bedeutet für mich heute oft eher Verantwortung als Freiheit. Die Erfahrung, Dinge nutzen zu können, statt sie besitzen zu müssen, hat mein Denken nachhaltig geprägt und mir gezeigt, dass Konsum nicht automatisch glücklicher macht.
Die „Kleiderei“ steht für längere Nutzung statt Wegwerfmentalität. Welche Rolle spielt Müllentsorgung bei euch und wie geht ihr damit um?
LEONI:>> Wir versuchen in allen „Kleiderei“-Standorten, möglichst wenig Müll zu produzieren. Kartons werden mehrfach verwendet, Druckmaterialien auf ein Minimum reduziert und viele Materialien weitergenutzt.
Kleidung, die uns gespendet wird und die wir selbst nicht in unser Sortiment aufnehmen können, geben wir an karitative Einrichtungen weiter, beispielsweise an Hanseatic Help oder die Deutsche Kleiderstiftung.
Wenn ein Kleidungsstück nicht mehr verleihbar ist, suchen wir nach Möglichkeiten des Recyclings oder Upcyclings. So arbeiten wir beispielsweise mit Bridge & Tunnel zusammen, die aus alten Jeans neue Accessoires und Jacken herstellen. Einige dieser schönen Produkte verleihen wir wiederum in der „Kleiderei“.
Was möchtest du anderen Menschen mit auf den Weg geben, die nachhaltiger leben möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen?
LEONI:>> Beginnt im Kleinen. Niemand muss von heute auf morgen alles perfekt machen.
Nutzt häufiger öffentliche Verkehrsmittel, hinterfragt Kaufentscheidungen und schlaft vielleicht noch eine Nacht über größere Anschaffungen. Tauscht, leiht oder kauft gebraucht, wenn möglich. Heute gibt es für fast alles nachhaltigere Alternativen.
Und ganz wichtig: Unterstützt kleine Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen einsetzen. Gerade in diesen Bereichen ist die aktuelle Zeit für viele Unternehmer*innen herausfordernd.
Welche Dinge sollten für die nächste Generation im Umgang mit Mode und Konsum ganz selbstverständlich sein?
LEONI:>> Ich wünsche mir, dass Kleidung leihen irgendwann genauso selbstverständlich wird wie Bücher aus einer Bibliothek auszuleihen. Unsere Vision ist, dass nachhaltiger und alternativer Modekonsum für alle Menschen zugänglich wird – einfach, attraktiv und alltagstauglich.
Außerdem hoffe ich, dass die Wertschätzung für Kleidung wieder steigt. Dass repariert, gepflegt, getauscht und weitergegeben wird, statt Dinge nach kurzer Zeit wegzuwerfen. Kleidung sollte wieder als etwas Wertvolles betrachtet werden – nicht als Wegwerfprodukt, sondern als Ressource, die wir möglichst lange nutzen.
Wenn die nächste Generation ganz selbstverständlich fragt: „Warum kaufen, wenn ich es auch leihen kann?“, dann haben wir viel erreicht.

Welche Ziele oder Visionen habt ihr für die „Kleiderei“ in den kommenden Jahren?
LEONI:>> Natürlich wünschen wir uns viele weitere „Kleiderei“-Standorte in Deutschland. Wir möchten weitere MitstreiterInnen finden, die eine „Kleiderei“ in ihrer Stadt eröffnen möchten. So kann unser Netzwerk wachsen und noch mehr Menschen Zugang zu Fashion-Sharing erhalten.
Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass Leihsysteme gesellschaftlich und politisch stärker gefördert werden sollten. Wenn nachhaltige Nutzung staatlich unterstützt wird, könnten Mitgliedschaften noch erschwinglicher werden und eine echte Alternative zu Ultra-Fast-Fashion darstellen. Denn nachhaltiger Konsum sollte nicht die teurere oder schwierigere Wahl sein. Damit sich das verändert, braucht es neben dem Engagement der Verbraucher*innen auch politische Rahmenbedingungen, die zukunftsfähige Konsummodelle aktiv fördern.
Vielen Dank, liebe Leoni, für das inspirierende Gespräch und deine Einblicke in die Welt der „Kleiderei“! 🤍
Ihr zeigt, dass Mode auch anders funktionieren kann – gemeinschaftlich und ressourcenschonend. Mit eurem Fashion-Sharing-Konzept schafft ihr eine echte Alternative zum schnellen Konsum. Wir wünschen euch weiterhin ganz viel Erfolg dabei, noch mehr Menschen für das Teilen statt Besitzen zu begeistern.
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